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Antoinette Lühmann

Auf der Suche nach dem großen Abenteuer

Klischee, das (Substantiv, Neutrum)

Veröffentlicht am 11.01.2018

Ich gebe es zu: Manchmal bin ich auch ein Klischee. Wenn mir abends einhunderttausend Sachen durch den Kopf gehen und ich nicht einschlafen kann, schaue ich mir You-Tube-Videos an. Keine süßen Katzenvideos und auch keine Schaukelunglücke oder so etwas. Ich schaue Leuten beim Stricken, Filzen oder Malen zu - und denke dann, wie schön es wäre, jetzt selbst zu stricken, zu filzen oder zu malen und frage mich, warum ich mir nicht die Zeit dafür genommen habe, weil ich doch dann jetzt bestimmt viel zufriedener einschlafen könnte...

Und manchmal sehe ich etwas, das ich toll finde. Ich mache das Radio leise, wenn Werbung kommt, schaue kein Fernsehen, blättere in der Zeitung schnell weiter, aber wenn ich einen tollen Stift in einem Bastelvideo sehe, bin ich verloren. Dann hätte ich ihn gerne. Werbung hat gewonnen. Und dann finde ich den Stift in keinem Geschäft. Nirgends. Und irgendwann kommt die Entscheidung: Verzichten oder online bestellen?

Vor einigen Wochen habe ich so einen Stift bestellt. Ohne Versandkosten. Dann kam nach Weihnachten ein Brief von der Post. Der Stift wird nicht zugestellt und muss am Zollamt abgeholt werden. Der Stift kam aus Korea. Noch ein Klischee.

Ich fahre zum Zollamt. Pakete sollen in Zimmer 10 abgeholt werden. An Zimmer 10 hängt ein Zettel: Heute geschlossen. Pakete können  in Zimmer 8 abgeholt werden. Bei Zimmer 8 steht die Tür offen. Eine Frau sitzt hinter einem riesigen Berg mit Tüten, Umschlägen und Paketen und schickt mich freundlich in Zimmer 1.

Warten. Das Wartezimmer sieht aus wie eine alte Folge vom Großstadtrevier. Diese Farben. Dieser Geruch. Dann Zettel abgeben und wieder warten. Ich werde in ein kleines Zimmer gebeten und soll unter Aufsicht meine kleine Tüte aus Korea aufschneiden. Fühlt sich unheimlich an. Ich befürchte schon, jemand hat mir statt der Stifte etwas Explosives geschickt. Aber (puh!) es sind wirklich Stifte. "Warum haben sie denn Stifte in Korea gekauft?", will der Beamte wissen. Muss ich antworten? Ich werde rot, glaube ich. Ich wollte die so gerne haben. Gab es eben nicht in Deutschland...., stammle ich.

Ich muss wieder ins Wartezimmer. Er will nachschauen, ob ich die Stifte "importieren" darf. Die grauen Plastikstühle sind mittlerweile bis auf den letzten Platz besetzt. Eine 15jährige rennt hin und her. Sie muss dringend auf die Toilette, aber im Flur gibt es nur eine Tür mit einem "H". Es dauert eine Viertelstunde. Dann werde ich wieder aufgerufen. Zum Glück. Das Mädchen macht mich nervös. Dabei ist sie die einzige, die sich mit ihrer Mutter auf deutsch unterhält. Der Zollbeamte erklärt: Auf den Stiften steht Made in Peru. Er hat die Firma in Deutschland angerufen, die die Stifte produziert und die wissen nichts von einer Fabrik in Peru. Vielleicht sind die Stifte eine Fälschung. Der Zoll braucht eine schriftliche Stellungnahme des Herstellers zu den Merkmalen eines "echten" Stfites. Und ich? Sie müssen nach Hause gehen und warten. In 10 Tagen bekommen Sie eine Nachricht. Werden die Stfite mir dann geschickt?, frage ich vorsichtig. Er lacht. Nein, für die Post ist die Sache erledigt. Sie wohnen doch nur 10 km entfernt. Sie müssen dann wiederkommen, falls sie die Stifte bekommen.

Beim Rausgehen schaue ich auf die Öffnungszeiten. 8-15 Uhr. Noch ein Tag Urlaub für die Stifte? Ich brauche ein weniger aufwendiges Einschlafritual. Es wird zu kompliziert und zu kostspielig...